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Ostsee-Insel Hiddensee

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Der Rabenstein

Vor langer langer Zeit lebte zu Boldevitz auf Rügen ein reicher und vornehmer Herr, der vieler Kaiser und Könige und Potentaten in schweren Fällen Kriegsobrister gewesen war, der hieß Herr Friedrich von Rotermund. Dieser brachte aus der Türkei oder aus der Tartarei, kurz aus den Heidenländern, wo sie Weiber kaufen, wie bei uns die Pferde, ein wunderschönes Weib mit, von welcher kein Mensch wußte, ob sie eine Heidin oder Christin war. Sie war aber nicht sein eheliches Weib sondern seine Kebsin*. Mit dieser zeugte er ein Feierabendskind, und das war ein Knabe und hieß auch Friedrich. Es war aber kein Friederich sondern ein rechter Kriegerich; denn der Krieg und die Wildheit steckte darin, und er war von keinem Schulmeister noch Züchtiger zu bändigen sondern ging durch wie ein kosackisches oder tartarisches Pferd. Er war aber schön wie Sonnenschein und stark wie Eichbäume und bei all seiner Wildheit den Menschen über die Maaßen angenehm und gefällig; so daß jeder den Buben gern hatte.
Nach seines Vaters Tode, als er fünfzehn Jahre alt war und nun einem älteren Bruder gehorchen sollte, welcher der Sohn der ächten Ehefrau des alten Rotermund war, ertrug er die strengere Zucht nicht sondern entlief und kam nach der Insel Hiddensee, und ging von da zu Schiffe in alle Welt hinaus und ward ein gewaltiger Matros. Als er sich das muntre Seeleben ein halbes Dutzend Jahre versucht hatte, ist er einmal wieder nach Stralsund gekommen und von da zu Haufe nach Bergen in Rügen, wo seine Mutter wohnte. Und seine Mutter und andere Freunde haben ihn dort beredet, er solle auf dem Lande bleiben, welchem Gott feste Balken untergelegt hat, und das unstäte und unsichere Meer verlassen. Und er ist zu einem Förster in die Lehre gegangen, daß er das fröhliche und lustige Waidwerk lernte, und bald ein flinker und hübscher Jägerbursch geworden, vor welchem die Weiber und Mädchen in den Thüren und Fenstern still standen und ausschaueten und freundlich nickten und grüßten, wann er vorüberging; denn er ist wohl einer der schönsten und reisigsten Menschen gewesen, die man weit und breit sehen konnte, Hier hat er nun aber, wie es oft bei den Waidmännern geschieht, mancherlei verbotene Künste gelernt, ist ein Freischütz geworden, und hat sich den Rabenstein geholt. Dies war dem muthigen Matrosen nur ein Spiel gewesen, welchem im wildesten Sturm nimmer ein Mast zu hoch noch zu glatt gewesen, daß er ihn nicht erklettert und von seiner Spitze dem heulenden Meer fröhlich in den offnen Todesrachen geschaut hätte.

Fritz Rotermund – so nannten ihn die Leute – hat sich nun von seinem Funde des Rabensteins nichts merken lassen sondern seinen karfunklischen Diebsschlüssel gar lustig gebraucht; doch weil er von Natur sehr gutherzig und freundlich war, hat er keine sehr gräuliche Thaten gethan sondern solche, welche die leichtsinnige Jugend oft nur lustige Streiche nennt. Weil er mit seinem Stein unsichtbar in alle Häuser und Kammern gehen konnte, so hat er freilich die lustige Gabe genutzt aber nie keinem ehrlichen oder armen Menschen nur einen Heller genommen; sondern wo er einen bösen ungerechten Herrn wußte, der
auf seinen Schätzen lag, die er aus dem Schweiß und Blut seiner geplagten Unterthanen zusammengepreßt hatte, oder einen Filz und Wucherer, der unersättlich die letzte Habe der Kleinen und Geringen im Volk verschlang, da hat er fleißig eingesprochen und ihre Kisten und Beutel etwas leichter und schlaffer gemacht. Das ist aber besonders an ihm gewesen, daß er von solcher Diebsbeute fast
nie etwas für sich behalten sondern es fast alles hingetragen hat, wo er arme und nothleidende Alte und hungrige und verlassene Kindlein gewußt hat. Da ist er nächtlich und mitternächtlich wo alle Augen der tiefste Schlaf geschlossen hielt, in die Häuser geschlichen und hat die silbernen oder goldenen Gaben aus Tische Betten und Wiegen hingeschüttet; daß die Leute, wann sie erwachten, erstaunten und die Hände zusammenfalteten und beteten. Denn sie konnten nicht meinen, daß eine unsichtbare Diebshand die wohlthätige Vertheilerin gewesen sey, sondern mußten glauben, es sey von oben gekommen und ein Englein vom Himmel habe es ihnen ins Haus getragen. Und so ist in den Städten und Dörfern, welche der Förster Fritz besuchte, mancherlei Gerede entstanden zugleich von verwegenen Dieben und von wohlthätigen Engeln, wie denn Gottes Reich und Satans Reich und die Gespräche darüber hier auf Erden immer mitsammen sind. Aber noch viele andre Schalkstreiche hat der lose Fritz verübt, der leicht wie der Wind allenthalben aus und ein schlüpfen konnte; und was würden die Thüren und Fenster, wenn sie Mund hätten, von ihm nicht alles zu erzählen wissen! Doch das darf ich nicht alles erzählen, weil es sich hier nicht schickt; und auch die andern Possenstreiche alle könnte ich nimmer auserzählen, die er zu Weihnachten und Fastnacht und bei Hochzeiten Tänzen und Mummereien als der unvermummte und doch unsichtbare Gast gespielt hat.
Eine Noth aber hat Fritz bald in dem Rabenstein gefühlt, die eine schwere Noth war und die als eine Teufelsplage der verbotenen Kunst anhangt. Weil nämlich der Rabenstein aus Galgenvögeln und Galgenaugen geboren wird, so hat er einen heimlichen und unüberwindlichen Trieb zu Galgen und Rad in sich, eine Witterung, die seinen Träger und Besitzer treibt, daß er mit dabei seyn muß, wann es an solchen hohen Stellen etwas zu thun giebt. Wenn daher auf der Insel in einem Hochgericht und an einem Galgen einer geköpft oder gehängt werden sollte, so trieb’s ihn mit Teufelsgewalt und wie auf Windesflügeln hin; er mußte mit dabei seyn, und sollte er drei vier Meilen in zwei Stunden laufen, daß dem Athemlosen die Zunge aus dem Halse hing. Das war aber noch viel schlimmer und grausiger, daß er die Geburtstage und Jahrestage der gerichteten armen Sünder mitfeiern mußte. An dem Jahrestage der Hinrichtung nämlich versammmeln sich die Geister der Gerichteten, damit sie ihren nächtlichen Todtentanz um die Hochgerichte halten; und diesen Tanz begehen sie um die grausige Mitternacht, und da müssen alle die mitfeiern und mittanzen, welche den Rabenstein haben. So mußte denn auch Fritz manche liebe Nacht, wo er gern anderswo geweilt oder geschlafen hätte, im Hagel und Schnee im Sturm und Donnerwetter hinaus in das wilde Weite und über Haiden und Felder gleich einem Kain zu Galgen und Hochgericht fortsausen und den schaurigen Tanz mittanzen, bis ihm oft der Athem schier auszugehen anfing; denn seine Mittänzer und Mittänzerinnen hüpften begreiflicher Weise auf den allerleichtesten Füßen einher. Und die Leute konnten ihm die Reife zu einem solchen nächtlichen Ball wohl anmerken, und ihm daß irgend was Unrechtes widerfahren war – denn er sah acht vierzehn Tage nachher noch bleich und krank aus – er aber schüttelte alle fremde Bemerkungen und Fragen leicht von sich ab, machte irgend einen Scherz oder Wind darüber und sagte: Ei was! ihr Siebenschläfer, die ihr euch jeden Abend zu regelmäßiger Zeit auf eurem weichen Pfühl hinstreckt, könnt euch wohl rosige Wangen und dicke Bäuchlein anschnarchen; aber mit dem Jäger ist es gar anders bestellt, der muß viel ein nächtlicher Gesell seyn: Füchse Marder Ottern und anderes Wild, das euch die warmen Pelze liefert, fängt und belauert man nicht bei’m Sonnenschein. Man stößt da auch wohl zuweilen auf etwas, das nichts taugt, aber das schüttelt ein tapfrer Jäger auch wieder ab, und die tüchtigen und geheimen Jägerkünste zu lernen und die tapfern Jägergeschichten zu bestehen, dazu gebricht euch das Herz.

der Begeistrung heil'ges Feuer wie der Frühlingsbäche KlangHimmlisch, goldner Saiten Silberton, in Blütenzeiten funkelt der Feuerthron

Liebeskraft 1796.

Wem flammet der Begeistrung heil'ges Feuer?
Wem pocht des Busens ungestümer Drang?
Wem braust der Strom durch meine goldne Leier
So freudig wie der Frühlingsbäche Klang?

O dir, die an dem weiten Flammenbusen
Die Pulse aller Wesen liebend wärmt
Und allgewaltig um den Born der Musen
Und um des Helden Tatenträume schwärmt.

Dir, Himmlische, schlag' ich die goldnen Saiten,
Dir rieselt meines Liedes Silberton,
Urania; schon in den Blütenzeiten
Der Vorwelt funkelte dein Feuerthron;

Du schlugest in das Chaos Lebensfunken,
Und Welten sprangen jubelnd aus dem Nichts,
Es kreisten Monde, Sonnen flogen, trunken
Des neuen Seins, die goldne Bahn des Lichts;

Von deinem Odem sprudelte die Quelle,
Die Blume öffnete den duft'gen Schoß,
Der Fisch durchschlüpfte seine Silberwelle
Und Würmchen liebten auf dem Erdenkloß.

Wes ist das Land, das Menschen aneinander
Mit losen Schlingen unauflöslich schnürt
Und freundlich seinen schlängelnden Mäander
Des Lebens leichten Schatten niederführt?

Von wessen Odem weht die heil'ge Flamme,
Die Purpur auf des Mädchens Wange haucht
Und, aufzudringen zu dem Götterstamme,
Im Styx der Kraft den Jüngling untertaucht?

Was färbt dem Morgenrot die Rosenwangen?
Was lehrt die Erden und die Sonne fliehn?
Die Blütenzweige flüsternd sich umfangen?
Die Blumen an der Blumen Lippen glühn?

O laß auch mich an deinen Busen fallen! –
Er schlägt für alles Leben ja so weit –
Mit deinen tausend Wogen laß mich wallen
Hinab den Strom in die Unendlichkeit.



*) Kebsin, aus Kebse erweitert mit neuer Femininendung, die einem Herrn unbeschränkt unterworfene Unfreie, oft die Leibmagd einer kinderlosen Ehefrau, die zur Nebenfrau werden kann, oder diejenige, die in einem eheähnlichen Verhältnis mit einem unverheirateten Mann lebt, sowie die außereheliche Geliebte eines verheirateten Mannes, wobei die jeweilige genaue Bedeutung nicht immer zweifelsfrei zu ermitteln ist.


**) In Schweden und in den damals schwedischen deutschen Ostseelanden ist dieser König Karolus (Karl der Zwölfte) gleich dem Iskander der Morgenländer und unserm Friedrich Rothbart auf dem Kyffhäuser wenige Jahrzehende nach seinem Tode ein mythischer Name geworden. Alles längstvergangene Ungeheure und Gewaltige reiht sich unter solche Namen; ob ein Jahrhundert oder einige Jahrtausende rückwärts oder vorwärts gerechnet werden müssen, was kümmert das das Volk, welches für das Poetische und Mythische eine wahrhaft göttliche Zeitrechnung hat, das heißt: nach dem gewöhnlichen Maaße gemessen gar keine.


Quellenangaben:
Ernst Moritz Arndt,
Mährchen und Jugenderinnerungen/Zweiter Theil
Verlag G. Reimer, Berlin, 1. Auflage
Seite 354

Ernst Moritz Arndt,
Gedichte, Berlin 1912,
Seite 12 - 13


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